„Nach unserer Ausreise bin ich das erste Mal wieder im Alter von fünf Jahren nach Iran, es war der Winter 1988/89, der Krieg war gerade vorbei. Viele Exil-Iraner nutzten die Gelegenheit, um ihre Familien zu besuchen. Wir landeten am Teheraner Flughafen. Ein Mann, der aus dem Flugzeug ausstieg, kniete sich auf den Boden des Flughafens, weinte bitterlich und küsste immer wieder den kalten Boden. Damals habe ich das alles nicht verstanden, aber je älter ich werde, umso mehr verstehe ich.
Am Ausgang des Flughafens warteten tausend Menschen auf ihre Angehörigen. Alle weinten, schlugen sich gegen die Köpfe und gegen die Brust, wenn sie ihre Liebsten schon aus der Ferne erblickten. Jeder versuchte, sich nach vorne zu drängen, als würden sie sonst ihre Angehörigen nicht in die Arme nehmen können oder sie wieder verlieren - jetzt wo sie sie einmal erblickt hatten, wollten sie sie nicht mehr aus den Augen lassen. Sie wollten sie in ihre Arme schließen und nicht mehr los lassen. Selbst jetzt, mit 27 Jahren, wenn ich nur darüber schreibe, kommen mir die Tränen. Ich weiß nicht warum...
Wir drängten uns in diese Massen, alle weinten. Mein Onkel, der fast zwei Meter groß ist, nahm mich in die Arme und ließ mich nicht mehr los, ich wurde von Arm zu Arm gereicht. Ich wusste gar nicht, wer alle diese Menschen waren, die nur wegen uns da waren. Doch es war so viel Liebe in der Luft, soviel Zuneigung. Ich hatte das Gefühl, mindestens zwanzig Menschen wären gekommen, nur um uns abzuholen. Wieder zurück in den Armen meiner Mutter, sah ich das Bild von Khomeini, groß an der Wand des Flughafens. Ich war so stolz darauf, dass ich wusste, wer das ist. Ich zeigte auf sein Bild und mit lauter Stimme verkündete ich: Khomeini, Khomeini!!! Alle waren - zu meiner Verwunderung - erschrocken und sagten mir, ich solle nicht so laut diesen Namen sagen. Wie soll man das auch verstehen, mit fünf Jahren...
Mit dem Auto fuhren wir zum Haus meines Großvaters, ein Tor öffnete sich und wir fuhren in den Hof. Alle Lichter im Haus waren aus, nur in der unteren Etage brannte ein Licht, aus dem uns eine Silhouette entgegen kam, ein dünner Mann, mit aufrechtem Gang und Gehstock. Er kam immer näher, sah mich, bückte sich leicht zu mir. Küsste mich auf meine Wangen, mit seinem Dreitagebart und ohne Zähne. Er schaute mich an, nahm meine Wangen zwischen seinen Finger, kniff leicht rein und sagte: „Jingilee Khanoum!“ (mein Großvater hatte für alle Menschen die er liebte einen Kose-Namen. An dem Tag erhielt ich meinen und ich war im siebten Himmel. Bis heute darf mich keiner so nennen, nur er.) Seit diesem Tag bedeutet für mich nach Iran zu fahren, meinen Großvater zu sehen. Mein Großvater bedeutet für mich Familie, Heimat, Wärme, Liebe - eine Generation, deren Energie mich beeinflusst hat. Eine Generation, die mich bewegt hat. Diese Kraft tanke ich auf, wenn ich in Iran bin.
Wie gesagt, jetzt bin ich 27 Jahre alt, wir haben das Jahr 2010, mein Großvater ist mit dem gleichen Lächeln in den Armen meines Cousins gestorben, mit dem ich ihn das erste Mal gesehen habe. Ich darf nicht mehr nach Iran fliegen und die Kraft, die ich dort immer aufgetankt habe, ja...woher nehme ich sie? Der Geruch von Teheran, wenn ich aus dem Flieger aussteige, fehlt mir. Es ist schwer, doch nicht so schwer, wie ich gedacht habe, denn ich weiß, ich bin nicht alleine, so viele Iraner teilen dieses Schicksal und wissen wovon ich rede. Ich bin Deutsche, aber eben auch Iranerin. Ich kann es nicht trennen, ich will es nicht trennen und ich bin stolz darauf. Stolz auf die Generation meines Großvaters, jene, die langsam von uns gehen, doch sie sind immer da. Iran ist da und bleibt auch da, und wir sind da. Die Geschichten sind da, daraus schöpfe ich jetzt meine Kraft. Denn Iran ist nicht nur in Iran, er ist in allen Iranern - und tragen wir nicht gemeinsam jeder ein Stück davon in uns? Egal wo wir sind! Das macht uns doch aus!
Eins weiß ich, wenn ich das nächste Mal in ein freies Iran fliege, werde ich mich bücken und den Boden küssen. Nicht aus Nationalstolz, sondern um meinen Großvater zu begrüßen, der dort begraben liegt.“