Philosophie → Unsere Geschichten

  • „Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt. Wo man Teil des Ganzen werden und sich mit all seinen Stärken und Schwächen einbringen kann. Wenn man das geschafft hat, ja! Dann ist man wirklich zuhause angekommen.“ (Das Lämmchen aus ´Salami Aleikum´))

Der DIWAN blickt von Ost nach West und von West nach Ost. Wir erzählen unsere Geschichte, unsere Geschichten, jenseits der Klischees der Massenmedien.

Nach unserem Gründungstreffen im Oktober 2010 haben wir unsere ersten Mitglieder gebeten, uns ihre Geschichten zu schicken – Geschichten zu den Themen Heimat, Identität, Eigenes und Fremdes, Deutschland und Iran, persisch und deutsch. Es sind Ausschnitte aus unserem Leben, die auch das Selbstverständnis des DIWAN und seiner Gründer widerspiegeln. Einige möchten wir Ihnen hier präsentieren. Klicken Sie einfach auf die Sätze, die Sie neugierig machen auf mehr.
Und wenn Sie selbst eine kleine Geschichte schreiben wollen: Nach einer Auswahl stellen wir Ihre Erzählungen gerne auf unserer Seite vor. Je kürzer, umso schöner!

„Ihr skeptischer Blick, misstrauisch, neidisch, verachtend. Ich stehe nach 20 Jahren ...

(Sina)

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„Ihr skeptischer Blick, misstrauisch, neidisch, verachtend. Ich stehe nach 20 Jahren wieder an den Grenzen meines Landes und hab Angst reinzugehen, nicht reingelassen zu werden, und nicht wieder raus zu kommen.

Das strenge Gesicht der Dame wird unterstrichen durch das noch strenger gebundene Kopftuch, das einen dunklen Schatten auf ihre Augen wirft. Sie schaut abermals in meinen Pass und fragt: " Das erste Mal nach 20 Jahren zurück nach Iran?"

"Bale", sage ich, ja.

ie schaut auf, etwas Mütterliches legt sich in ihren Blick, ein schmales Lächeln, und sie sagt " Be mamlekatetun khosh umadin, seien Sie  willkommen in Ihrem Land." Seit 20 Jahren werde ich aufgrund meiner Herkunft an allen möglichen Grenzen dieser Welt misstrauisch angeschaut, und jetzt das. Die Knie geben nach, ich spüre einen Kloß im mein Hals, so groß wie ein Granatapfel, unterdrücke meine Träne und würge ein "Danke" heraus. Ich hätte sie umarmen und küssen können für diesen Satz. Aber wahrscheinlich wäre ich dann ins Gefängnis geworfen worden.“

„Ich bin wieder in Deutschland. Ich wusste nicht, dass man Freiheit fühlen kann, körperlich spüren kann. Das war mir neu. Ich habe ...

(Sina)

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„Ich bin wieder in Deutschland. Ich wusste nicht, dass man Freiheit fühlen kann, körperlich spüren kann. Das war mir neu. Ich habe sie gespürt, als ich den deutschen Beamten an der Grenze wie meinen Bruder begrüßt habe.“

„Es war im Sommer 1968. Da ich mein Studium in Wien selbst finanzieren musste, reiste ich nach Köln, um bei ...

(Kambiz)

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„Es war im Sommer 1968. Da ich mein Studium in Wien selbst finanzieren musste, reiste ich nach Köln, um bei den Bayer-Werken in Leverkusen einen dreimonatigen Ferienjob anzunehmen.Das günstigste Verkehrsmittel war die Bahn. Damit reiste ich zum ersten Mal nach Deutschland und kam vormittags in Köln am Hauptbahnhof an. Obwohl ich schon einigermaßen gut Deutsch sprach, stellten sich mir andere Hürden: Ich hatte weder eine Übernachtungs- und Wohnmöglichkeit, noch kannte ich irgendjemanden. In dieser Situation war für mich damals die Conföderation Iranischer Studenten (CISNU) eine hoffnungsvolle Anlaufstelle.

In Gedanken versunken ging ich durch die Bahnhofshalle, als ich hinter mir plötzlich die Unterhaltung zweier junger Männer auf Persisch hörte, einer sprach mit starkem Yazdi-Akzent, der andere Mashadi. Diese beiden waren für mich damals die berühmte Nadel im Heuhaufen. Denn zu dieser Zeit lebten in Köln nur sehr wenige Iraner, circa 100. Ich stellte mich daher in die Nähe der jungen Männer und hörte ihnen unauffällig zu. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach sie an. Sehr freundlich fragte mich der Mann aus Yazd, was ich möchte, ob ich Hunger hätte oder Geld bräuchte. Ich stellte mich den beiden persönlich vor und fragte nach dem Versammlungsort der iranischen Studenten in Köln. Der Yazdi erklärte mir weit ausholend, dass ich mich von dieser Gruppe besser fern halten sollte, denn sie seien nämlich alle ‚Prolls‘, bereits auf der schiefen Bahn und grundsätzlich gegen alles! „Am besten ist es, du marschierst aus dem Bahnhof raus, biegst nach rechts ab und gehst immer am Rhein entlang bis zum „Iranischen Haus“ (das neben der damaligen iranischen Botschaft lag). Dort wird man dir bestens helfen. Du bekommst dort alles, was du brauchst, Geld, Mittag-und Abendessen, Chelo Kabab,… einfach wie im `Hotel Mama‘!“

Während seiner wortreichen Erklärungen huschte immer wieder ein für mich nicht eindeutig auszumachendes Grinsen über sein Gesicht, das mich irgendwie skeptisch machte. Ich fragte ihn, wo sich denn die niveaulosen Studenten, die ‚Prolls‘, träfen. Seine Antwort: „Du scheinst mir nicht zuzuhören!? Ich hab dir geraten, dich besser von denen fernzuhalten. Aber, wenn du sie unbedingt treffen willst: Heute ist Freitag, der Tag an dem sie sich, soweit ich weiß, um 20 Uhr im ASTA- Keller der Uni treffen und mal wieder wie üblich Schwachsinn reden…! Mach was du willst, wenn du gehen willst, dann geh eben!“ Anschließend gab er mir noch die Adresse des ASTA und sagte zum Abschied „ Möge die Hand Alis mit dir sein!“ Erst später erfuhr ich, dass er auch Ali heißt.

Punkt 20 Uhr erreichte ich den ASTA und wie erhofft fand die wöchentliche Versammlung der iranischen Studentenorganisation dort statt. Aber am spannendsten war für mich die Tatsache, dass ich mitten in der Menge ein bekanntes Gesicht entdeckte, der junge Mann aus Yazd vom Bahnhof! Er war einer der Aktivisten. Er sah mich bereits aus der Ferne, grinste mich an und sagte: „ Ach so, du bist also auch einer von den ‚Prolls‘?!“

Jemand aus der CISNU-Gruppe wurde beauftragt, mir zu helfen. Man organisierte für mich einen ersten Schlafplatz im Studentenwohnheim und kümmerte sich auch sonst um mich.

Nach nun fast 43 Jahren hier leben nur noch vier dieser Freunde in Köln. Einer von ihnen ist mein guter Freund Ali.“

„Für mich hat es noch nie einen großen Unterschied gemacht, ob ich mich in eine Iranerin oder in eine Deutsche verliebe. Was mich an einer ...

(Sina)

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„Für mich hat es noch nie einen großen Unterschied gemacht, ob ich mich in eine Iranerin oder in eine Deutsche verliebe. Was mich an einer Frau fasziniert, steckt in ihrer Seele. Hmmm. Obwohl dunkle Augen immer geheimnisvoller sind. Auf Deutsch kann man besser streiten, auf Persisch die besseren Witze erzählen.“

Hier in Deutschland bin ich zu Hause, und fühle mich auch zu Hause. Aber wegen meines ...

(Yalda)

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Hier in Deutschland bin ich zu Hause, und fühle mich auch zu Hause. Aber wegen meines Aussehens werde ich hier immer wieder gefragt " Woher kommen sie?" oder „Wo sind sie geboren?" Mein Anderssein fällt sofort auf, und unabhängig von meinem Aussehen habe ich auch einige Charaktereigenschaften, die ich als iranisch beschreiben würde. 

Wenn ich in Iran bin, fühle ich mich auch zu Hause, aber komischerweise bekomme ich die gleichen Fragen gestellt, obwohl ich genauso aussehe wie alle anderen Iraner auch. Nur: In Iran ist es mein Verhalten, das mich verrät. Das verrät, nicht zu hundert Prozent Iraner zu sein. Ich falle in Iran auf, weil ich zum Beispiel immer pünktlich bin, ungeschminkt aus dem Haus gehe, in der Öffentlichkeit laut lache.

Einmal sagte mir jemand, ich hätte einen armenischen Akzent, und als ich einmal einen Mann nach dem Weg fragte, antwortete er mir höflich - und fragte gleich, aus welchem Land ich denn käme? Für mich war das total komisch. Ich bin in Iran, ich bin hier geboren und aufgewachsen und nun soll ich sagen aus welchem Land ich komme!! Naja, nach einigen Minuten erklärte er mir, dass iranische Frauen, die in Iran leben, eigentlich keine Männer auf der Straße ansprechen, zumindest nicht in der Form wie ich es gemacht habe.

Nicht 100% deutsch nicht 100% iranisch ! Also was bin ich denn nun?

Mittlerweile habe ich beschlossen, mich weder deutsch noch iranisch zu fühlen und zu identi-fizieren. Ich bin einfach deutsch-iranisch mit allen Vorteilen und Nachteilen! Es ist so, als würde man Nürnberger Würstchen mit „Mastokhiar“ (persischer Gurkenjoghurt) essen. Es ist eine  Identität, die aus zwei Kulturen besteht und zusammen gewachsen ist zu einer neuer Identität, mit den Vorzügen, sich in beide Kulturen einfühlen zu können und vielseitig zu sein.   Der Deutsche würde sich bei Würstchen und „Mastokhiar“ ekeln, der Iraner würde sagen: Was für eine komische Mischung. Doch für mich ist es normal. Und wahrscheinlich ist es das, was die Identität ausmacht für uns Deutsch-Iraner,  vieles ist für uns normal  was für andere gar nicht in Frage kommt.

„In einem Taxi in Iran. Der Fahrer, uns völlig unbekannt, bringt meinen Vater und mich vom Flughafen nach Hause. Wir machen Halt am ...

(Sina)

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„In einem Taxi in Iran. Der Fahrer, uns völlig unbekannt, bringt meinen Vater und mich vom Flughafen nach Hause. Wir machen Halt am Friedhof, um das Grab meines Großvaters zu besuchen. Der Taxifahrer kommt aus Respekt mit ans Grab, und sagt leise ein Gebet vor sich hin, die Hand auf dem Grab meines Großvaters. Ich weiß nicht, ob so eine Szene in irgendeinem anderen Land überhaupt möglich ist.

„Dass ich wohl Ausländerin sein soll habe ich zum ersten Mal gehört, als ich von Kreuzberg nach Wilmersdorf gezogen bin. Da war ich 10 Jahre alt, ...

(Negar)

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„Dass ich wohl Ausländerin sein soll habe ich zum ersten Mal gehört, als ich von Kreuzberg nach Wilmersdorf gezogen bin. Da war ich 10 Jahre alt, und die einzige Schülerin mit Migrationshintergrund in meiner Klasse. Wir hatten zwar noch eine Franko-Kanadierin in der Klasse, aber das galt nicht. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Meine Eltern habe ich zunächst für meinen Namen verflucht. Danach wollte ich ziemlich lange lieber Julia Schmidt heißen, blond sein und einfach nicht auffallen. Wenn man ständig hört, dass man doch exotisch ist, dann fühlt man sich irgendwann wie eine Ananas.

Heute bin ich ganz glücklich drum. "Negar", das merkt sich ja dann fast jeder. Und wenn mich jemand fragt, woher ich komme, dann sage ich einfach "Na aus Berlin!"

„Vor knapp zehn Jahren bereiste ich zum ersten Mal Iran. Damals war es eine Reise in ...

(Uli)

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„Vor knapp zehn Jahren bereiste ich zum ersten Mal Iran. Damals war es eine Reise in ein für mich fremdes Land, mit ungewissen Eindrücken. Der Name „Gottesstaat“ löste in meinen Vorstellungen seltsame Assoziationen und Vorstellungen hervor. Um nicht negativ aufzufallen, kleidete ich mich für das erforderliche Foto auf dem Visumsantrag so streng und dunkel wie möglich, und in einem türkischen Shop in Deutschland kaufte ich einen möglichst langen, weiten Mantel. Mit diesem Outfit - und in der vollen Überzeugung der iranischen Kleiderordnung zu 100% gerecht zu werden - setzte ich mich in den Flieger.

ngekommen in Iran ging es mir vermutlich wie den meisten Touristen, die das Land zum ersten mal sehen: Zwischen den von Kopf bis Fuß gestylten, Nägel lackierten und das Kopftuch mehr als Accessoire denn als verschleierndes islamisches Kleidungsstück tragenden, modernen und emanzipierten Iranerinnen kam ich mir vor wie eine verkleidete Vogelscheuche.

Erst nachdem ich in einem der trendigen Shops in Teheran einen kurzen, modischen Mantel gefunden hatte, der nicht nur nach meinem, sondern offensichtlich auch nach iranischem Geschmack adäquat war, bekam ich von meinem iranischen Kollegen ein O.K.:„Endlich hast Du etwas ordentliches an!“

Nach nun mehr fast zwanzig Reisen durch Iran stapeln sich in meinem Kleiderschrank mittlerweile unzählige bunte Tücher und ein Sortiment an hemdähnlichen Mänteln, und nicht selten bekomme ich von Freundinnen Aufträge, dieses oder jenes Tuch aus dem vermeintlich düsteren Gottesstaat in unsere farbige Welt zu importieren ...!“

„Ich hätte nie gedacht, welche Gefühle mich durchdringen würden bei meinem ersten Besuch in Iran, meiner Heimat, ...

(Z.)

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„Ich hätte nie gedacht, welche Gefühle mich durchdringen würden bei meinem ersten Besuch in Iran, meiner Heimat, nach 20 Jahren. Ich kannte ja bereits das Gefühl, Verwandte, von denen man nur gehört hat, endlich zu sehen und von diesen umarmt zu werden, als wären wir beste Freunde.

Aber diese Gefühle bei meinem ersten Besuch gingen darüber hinaus. Meine ganze Familie war ergriffen, wir konnten zunächst nur lachen, mussten dann aus Freude heulen und später wieder lachen. Es war, als wäre ein Gefühlsfeuerwerk in mir gezündet wurden. Die gesamten zwei Wochen gab es immer wieder Situationen, wo mein Onkel rief: „Wir sind in Iran, wir sind in IRAN!!!“

Erst lange Zeit nach meiner Rückkehr habe ich erkannt, was in mir passiert war. Es hatte sich ein Kreis geschlossen, ich hatte endlich meinen Platz auf dieser Erde eingenommen. Vor unserem Besuch in Iran war ich nirgends zu Hause. Meine Eltern waren schuld, dass ich in einem Land leben musste, wo ich "Ausländerin" war. Ich hatte keine Heimat, denn Iran kannte ich nicht. Aber nun da ich hier war, hatte ich plötzlich meine Wurzeln gesehen, ich stand wieder fest auf dem Boden, schwebte nicht im leeren Raum. Und plötzlich fühlte ich mich auch in Deutschland wohler, denn jetzt war es mein eigener Wunsch, hier zu wohnen, hier zu wachsen, und mich hier zu Hause zu fühlen. Ich hatte nicht eine Heimat, sondern direkt zwei Länder als Heimat für mich gefunden. Nun konnte ich mich der Zukunft fokussierter zuwenden und meine eigene Familie gründen.“

„Ich war seit zwei Monaten in Deutschland. In einem Asylbewerberheim, in einem Dorf in Süddeutschland in der Nähe ...

(Behrouz)

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„Ich war seit zwei Monaten in Deutschland. In einem Asylbewerberheim, in einem Dorf in Süddeutschland in der Nähe von Nürnberg. Eines Tages musste ich zu meinem Anwalt nach Köln reisen - und einen Schnellzug nehmen, um früher anzukommen...ich hatte nicht viel Geld...ich dachte mir, für unterwegs sollte ich auch noch was kaufen. Also suchte ich im Bahnhof in Nürnberg nach etwas Günstigem, und entdeckte kleine Brote, die seltsam aussahen und auf denen Zucker gestreut war.

Zwei kaufte ich, und dazu eine Cola. Ich sagte mir, damit würde ich bestimmt satt. Aber als ich das erste Mal in das Brot hinein biss, verstand ich erst, was ich gekauft hatte. Später lernte ich den Namen dieses Gebäcks und habe ihn seither nie wieder vergessen. Ich hatte im Bahnhof „Brezeln“ gekauft, auf denen Salz war, und nicht wie ich damals gedacht hatte Zucker...ich will gar nicht sagen, wie schwer es mir fiel, das salzige Brot mit der Cola zu essen – ein Geschmack, den ich nie vergessen werde.“

„Zwei drei Monate war es her, dass ich in einer Chemiefabrik ein Praktikum machte. Ich absolvierte damals eine ...

(Behrouz)

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„Zwei drei Monate war es her, dass ich in einer Chemiefabrik ein Praktikum machte. Ich absolvierte damals eine Chemie-Ausbildung, und musste deswegen auch ein Praktikum machen. Es war Freitag, und die Arbeiter wollten für den Samstag Morgen ein Frühstück organisieren.

Sie hatten ausgemacht, Mettbrötchen zu bestellen. Und sie fragten mich, ob ich auch eins essen würde. Ich wollte natürlich nicht anders sein als sie, und wollte sie auch nicht spüren lassen, dass sie mich als „anders“ ansehen - und sagte entschlossen und wie selbstverständlich: Klar nehme ich auch eins! Also bestellten sie mir ein Mettbrötchen mit.

Am Morgen gaben sie mir Bescheid, dass das Frühstück im Ruheraum bereit stünde. Hungrig schritt ich dort hin zur Pause. Und entdeckte den Teller:
Darauf Brötchenhälften unter fast einem Pfund Hackfleisch, mit Zwiebelstückchen drauf. Bisher hatte ich gestaunt über das rohe Fleisch auf Brötchen – und jetzt lag genau das auf meinem Teller! Ein Pfund Fleisch! Roh! Ich versuchte, es zu essen...aber ich konnte nicht einmal einen Bissen hinunterbringen. Heimlich löffelte ich das Fleisch in eine Tüte und nahm es mit für zuhause, und aß nur die Brötchen. Und als ich dann mittags zuhause war, machte ich aus dem Fleisch ein echtes Kabab. Und schwor mir, nichts mehr zu bestellen, bis ich wusste, was es genau war.

„Manchmal frage ich schon Hafez um Rat, der ja immer eine Lösung parat hat, aber an Goethes „Diwan“ bin ich verzweifelt. Immerhin macht sich ...

(Dirk)

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„Manchmal frage ich schon Hafez um Rat, der ja immer eine Lösung parat hat, aber an Goethes „Diwan“ bin ich verzweifelt. Immerhin macht sich das Werk ganz gut im Bücherregal. Meinen deutschen Nachbarn habe ich dieses Jahr manchmal zuviel zugemutet, wenn sie zum zehnten Mal bei voller Lautstärke Mohsen Namjoos „Toranj“ hören mussten…. Diesen Sommer hatte ich ein iranisches Ehepaar zu Gast, es war sehr warm und alle Fenster geöffnet.

Die zwei haben etwas lauter mit einer iranischen Freundin telefoniert und da ich im Hinterhof wohne, bekommt jeder so ziemlich alles mit. Am nächsten Morgen unterhielten sich meine Nachbarn aufgeregt im Treppenhaus über die nächtliche, „arabische“ Konversation, man habe Angst vor „Schläfern“ und sei im Begriff, zur Polizei zu gehen, „ob ich das denn gar nicht mitbekommen hätte?“Ich habe dann erklärt, dass ich beim „Schläfer-Gespräch“ sogar persönlich anwesend war und dass ich plante, demnächst eine Ausbildung in einem Taliban-Camp in Pakistan zu machen….Dann, nach den verblüfften Blicken meiner Nachbarn, fing ich an aufzuklären: Erstens mal ist es kein Anlass zur Sorge, Arabisch zu hören. Und außerdem: Persisch ist nicht gleich Arabisch – und so weiter, und so weiter...“

„Nach unserer Ausreise bin ich das erste Mal wieder im Alter von fünf Jahren nach Iran, es war der Winter 1988/89, der Krieg war gerade vorbei. Viele Exil-Iraner ...

(R.)

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„Nach unserer Ausreise bin ich das erste Mal wieder im Alter von fünf Jahren nach Iran, es war der Winter 1988/89, der Krieg war gerade vorbei. Viele Exil-Iraner nutzten die Gelegenheit, um ihre Familien zu besuchen. Wir landeten am Teheraner Flughafen. Ein Mann, der aus dem Flugzeug ausstieg, kniete sich auf den Boden des Flughafens, weinte bitterlich und küsste immer wieder den kalten Boden. Damals habe ich das alles nicht verstanden, aber je älter ich werde, umso mehr verstehe ich.

Am Ausgang des Flughafens warteten tausend Menschen auf ihre Angehörigen. Alle weinten, schlugen sich gegen die Köpfe und gegen die Brust, wenn sie ihre Liebsten schon aus der Ferne erblickten. Jeder versuchte, sich nach vorne zu drängen, als würden sie sonst ihre Angehörigen nicht in die Arme nehmen können oder sie wieder verlieren - jetzt wo sie sie einmal erblickt hatten, wollten sie sie nicht mehr aus den Augen lassen. Sie wollten sie in ihre Arme schließen und nicht mehr los lassen. Selbst jetzt, mit 27 Jahren, wenn ich nur darüber schreibe, kommen mir die Tränen. Ich weiß nicht warum...

Wir drängten uns in diese Massen, alle weinten. Mein Onkel, der fast zwei Meter groß ist, nahm mich in die Arme und ließ mich nicht mehr los, ich wurde von Arm zu Arm gereicht. Ich wusste gar nicht, wer alle diese Menschen waren, die nur wegen uns da waren. Doch es war so viel Liebe in der Luft, soviel Zuneigung. Ich hatte das Gefühl, mindestens zwanzig Menschen wären gekommen, nur um uns abzuholen. Wieder zurück in den Armen meiner Mutter, sah ich das Bild von Khomeini, groß an der Wand des Flughafens. Ich war so stolz darauf, dass ich wusste, wer das ist. Ich zeigte auf sein Bild und mit lauter Stimme verkündete ich: Khomeini, Khomeini!!! Alle waren - zu meiner Verwunderung - erschrocken und sagten mir, ich solle nicht so laut diesen Namen sagen. Wie soll man das auch verstehen, mit fünf Jahren...

Mit dem Auto fuhren wir zum Haus meines Großvaters, ein Tor öffnete sich und wir fuhren in den Hof. Alle Lichter im Haus waren aus, nur in der unteren Etage brannte ein Licht, aus dem uns eine Silhouette entgegen kam, ein dünner Mann, mit aufrechtem Gang und Gehstock. Er kam immer näher, sah mich, bückte sich leicht zu mir. Küsste mich auf meine Wangen, mit seinem Dreitagebart und ohne Zähne. Er schaute mich an, nahm meine Wangen zwischen seinen Finger, kniff leicht rein und sagte: „Jingilee Khanoum!“ (mein Großvater hatte für alle Menschen die er liebte einen Kose-Namen. An dem Tag erhielt ich meinen und ich war im siebten Himmel.  Bis heute darf mich keiner so nennen, nur er.) Seit diesem Tag bedeutet für mich nach Iran zu fahren, meinen Großvater zu sehen. Mein Großvater bedeutet für mich Familie, Heimat, Wärme, Liebe - eine Generation, deren Energie mich beeinflusst hat. Eine Generation, die mich bewegt hat. Diese Kraft tanke ich auf, wenn ich in Iran bin.

Wie gesagt, jetzt bin ich 27 Jahre alt, wir haben das Jahr 2010, mein Großvater ist mit dem gleichen Lächeln in den Armen meines Cousins gestorben, mit dem ich ihn das erste Mal gesehen habe. Ich darf nicht mehr nach Iran fliegen und die Kraft, die ich dort immer aufgetankt habe, ja...woher nehme ich sie? Der Geruch von Teheran, wenn ich aus dem Flieger aussteige, fehlt mir. Es ist schwer, doch nicht so schwer, wie ich gedacht habe, denn ich weiß, ich bin nicht alleine, so viele Iraner teilen dieses Schicksal und wissen wovon ich rede. Ich bin Deutsche, aber eben auch Iranerin. Ich kann es nicht trennen, ich will es nicht trennen und ich bin stolz darauf. Stolz auf die Generation meines Großvaters, jene, die langsam von uns gehen, doch sie sind immer da. Iran ist da und bleibt auch da, und wir sind da. Die Geschichten sind da, daraus schöpfe ich jetzt meine Kraft. Denn Iran ist nicht nur in Iran, er ist in allen Iranern - und tragen wir nicht gemeinsam jeder ein Stück davon in uns? Egal wo wir sind! Das macht uns doch aus!  Eins weiß ich, wenn ich das nächste Mal in ein freies Iran fliege, werde ich mich bücken und den Boden küssen. Nicht aus Nationalstolz, sondern um meinen Großvater zu begrüßen, der dort begraben liegt.“

„Als ich 15 Jahre alt war, reisten meine Mutter und ich zu meinen Großeltern nach Teheran. Wie immer waren wir ...

(G.)

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„Als ich 15 Jahre alt war, reisten meine Mutter und ich zu meinen Großeltern nach Teheran. Wie immer waren wir jeden Tag woanders, immer auf irgendeiner Familienfeier, bei Freunden, oder auf Reisen durchs Land. Ich erinnere mich an ein Ereignis, das mir bis heute tief ins Gedächtnis eingebrannt ist. Wir waren eingeladen, ich suchte gerade meine Garderobe aus, meine Mutter war schon angezogen, sie hatte ein langes kaftanartiges Kleid an, ihre Haare schön frisiert, das Gesicht geschminkt. Sie rief mir zu, sie würde noch schnell nach unten gehen und Blumen kaufen für die Gastgeber.

Wir träfen uns dann unten im Auto. Eine halbe Stunde später – wir machten uns schon Sorgen um meine Mutter und wollten sie suchen gehen – klopfte sie wild an die Haustür. Sie trat ein, seufzte, weinte, war aufgeregt und wütend. Was war passiert? Sie erzählte, sie sei zur Gärtnerei gelaufen und habe sich dabei angenehm frisch und frei gefühlt, trotz der Sommerhitze. Doch mehrere Passanten hätten sie angeschaut, als ob sie eine aus der Anstalt entlaufene Irre sei. Im Blumenladen schließlich habe der Verkäufer mit einem Schlag die Ladentür zugemacht und sie gefragt, in was für einem Aufzug sie auf die Straße gehe.

„Madame, schauen Sie sich doch im Spiegel an!“. Der ganze Laden war verspiegelt. Meine Mutter hielt einige Gladiolen in der Hand und erblickte sich plötzlich. Sie sah, dass sie das (in Iran obligatorische) Kopftuch vergessen hatte. Sie ließ die Gladiolen fallen und schlug sich mit beiden Händen panisch auf den Kopf, völlig fassungslos und entsetzt über ihr Aussehen. Ein junger Bärtiger betrat den Laden, blickte nach unten und fragte meine Mutter höflich, aber eindringlich, warum sie in diesem Aufzug aus dem Haus ginge.

Meine Mutter – so erzählte sie später – versteckte sich hinter den Blumen, nahm die Fußmatte vor ihr auf dem Boden und versuchte sich die Matte verzweifelt auf die Haare zu legen. Sie versprach dem Bärtigen, nie wieder eine solche „Tat“ zu begehen. Sie habe aus Versehen das Kopftuch zuhause liegen lassen. Eine unverzeihliche Ungeheuerlichkeit! Als sie uns ihre Geschichte später zuhause erzählte, zitterte sie am ganzen Leib, weinte und lachte. „Ich habe mich wie eine Schwerverbrecherin gefühlt, wie eine Mörderin, sagte sie. Und dass nur, weil ich das Kopftuch vergessen hatte!“.

Ich werde die Angst auf dem Gesicht meiner Mutter nie wieder vergessen.