Wer sind wir? Und wo ist unser Iran, wo unser Deutschland? Vielleicht kommt unser Heimatbegriff einem Gefühl nahe, das der iranische Philosoph Ramin Jahanbegloo ein „interkulturelles Zugehörigkeitsgefühl“ genannt hat.
Keine Kultur, schreibt Jahanbegloo, kann die ganze Wahrheit des menschlichen Lebens repräsentieren. „Es gibt nicht so etwas wie eine `zivilisierte geschlossene Kultur´, die eifersüchtig ihre Identität vor dem Einfluss der anderen beschützt. Es ist ganz einfach so: Eine Kultur, die andere Kulturen fürchtet, kann nicht in Dialog mit ihnen treten, und befindet sich auch nicht im Dialog mit seiner eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“
In einer Demokratie, schreibt Jahanbegloo, sei das Herzstück eine Politik der Vielfalt und Integration („politics of diversity“), ein Ethos des gegenseitigen Verstehens. „Dieses Ethos fördert die Pflege geteilter Wertvorstellungen zwischen den Bürgern. Der Prozess des gegenseitigen Verstehens erlaubt einer Kultur, sowohl das Verständnis von den eigenen Werten zu schärfen, als auch die Kriterien, anhand derer eine Kultur die andere kritisiert.“ Dadurch entstünden – in einer Kultur - gemeinsame Bindungen zwischen Bürgern verschiedener Identitäten, und Solidarität zwischen verschiedenen Kulturen. Das Wichtigste aber sei, dass ein Ethos gegenseitigen Verstehens ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl zu einer interkulturell konstituierten gemeinsamen Kultur kultiviere – eine gemeinsame Kultur, die sowohl verschiedene kulturelle und religiöse Identitäten vereint als auch ihre Verschiedenheit respektiert.
„Die Herausforderung an uns besteht darin, multiple Identitäten zu besitzen, jenseits nationaler Vorurteile und kulturell-religiöser Intoleranzen – ohne aber dabei unsere Heimat zu verlieren. Eine solche Offenheit mag vielen von uns verstörend erscheinen. Aber wir müssen der allzu bekannten Versuchung widerstehen, das Andere als etwas zu sehen, das das Eigene fundamental bedroht.“
Was Ramin Jahanbegloo beschreibt, leben die „Ideenstifter“ des DIWAN. Und sie verstehen die „Solidarität der Verschiedenheiten“ nach Ramin Jahanbegloo als Leitmotiv ihres Wirkens.
Unsere Gespräche und Diskussionen über Identität sind im ständigen Fluss: Sie sind lebendig, sie atmen und wachsen mit dem DIWAN und seinen Mitgliedern. Sie ähneln eher einem Prozess, der sich ständig bewegt, als einer starren Definition. Gewinnen Sie einen Eindruck von unseren Gesprächen aus folgender Zitatensammlung. Vielleicht möchten auch Sie unsere Diskussion mit Ihren Gedanken bereichern:
p:Der Diwan wurde doch von jungen Iranern der zweiten Generation gegründet. Sind wir nur für die da? Oder auch für Iraner der ersten Generation?
a:Wir sind für alle da!
b:Also ich finde uns total iranisch. Unser Logo ist sehr iranisch und unser Name auch. Wir wollten doch für die Jugend da sein. Die, die nach ihre Wurzeln suchen, aber noch nie im Iran waren. Die müssen wir doch ansprechen!
p:Hmmm. Ich zum Beispiel war nie im Iran, fühle mich sehr deutsch. Aber ich finde unser Logo einfach...exotisch!
a:Das Logo? Das ist ein Vogel...das sind eigentlich wir, wie wir überall hin fliegen. Wir tragen immer in uns unser Iran mit. Das sieht man an der Schwingung unseres Flügels...der Flügel ist ein altes persisches Ornament.-
g:Du sagst, dass man eine fremde Kultur manchmal als Bedrohung empfindet...Meinst du damit die Iraner? Also die Iraner hier sind doch hyper-integriert. Die sehen die deutsche Kultur doch nicht als Bedrohung an.
k:Nein, umgekehrt! Bei dem Satz hatte ich eher an die Deutschen gedacht, die wir in unser Haus einladen wollen. Für die ist unsere Identität manchmal zu gemischt, und das macht ihnen Angst. Manchmal hat man Angst vor Menschen, die ständig von einer Kultur in die andere gleiten. Man kann diese Menschen nicht so eindeutig zuordnen ...
s:Ach Leute, ich finde, unser Verein spricht die Deutschen gar nicht an!
b:Doch, natürlich! Es gibt ja so viele Deutsche, die gerne in den Iran reisen würden! Die sind neugierig auf uns! Die fragen sich vielleicht auch, wie wir unsere Mischung hinbekommen. Vielleicht können wir ja ein Vorbild sein? Vielleicht haben wir gerade deswegen ein Talent, ein Potenzial! Vielleicht können wir zwischen den Kulturen vermitteln - und genau das ist doch etwas, das heutzutage wichtig ist!"
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h:Wieso reden wir untereinander eigentlich alle Deutsch und nicht Persisch? Ich dachte, wir wollen hier die persische Kultur pflegen! Und einige bei uns können noch gar kein Deutsch.
s:Ich kann nicht so gut persisch, deshalb…
h:Wir finden zusammen, keine Sorge. Wir definieren uns über beide Sprachen. Und Azeri. Und Kurdisch. Und Armenisch. Und und und…



