Ein Rückblick auf das Runde Zimmer Köln vom 20. Oktober 2012, von Kourosh Shahram

Woher kommt die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit? Ist Freiheit ein menschliches Bedürfnis oder haben auch Tiere ein Empfinden für Freiheit?

Schon die Fragestellung unseres Debatten-Themas, das die Mehrheit auf der facebook-Seite des Runden Zimmers Köln unter einigen anderen Themen ausgesucht hatte, versprach eine vielschichtige Diskussion. Die Bandbreite verlief dementsprechend zwischen Jean-Paul-Sartres zweischneidigem Postulat, das da lautet, der Mensch sei verurteilt, frei zu sein, und der Aussage, dass es eine Reihe von Aspekten gebe, die den Menschen beeinflussen und damit vielleicht sogar unfrei machen könnten. So hieß es, wir alle seien Gefangene unserer Geschichte, Kultur oder Geographie.

Die grundsätzliche Unterscheidung, die bei dem Thema „Freiheit des Menschen“ vorgenommen wurde, war die zwischen der Handlungsfreiheit und der Willensfreiheit. Wenn man über Handlungsfreiheit spricht, so ist die Freiheit gemeint, die einen Menschen in die Lage versetzt, das tun zu können, was er tun möchte. Wenn er dies nicht kann, so ist seine Handlungsfreiheit eingeschränkt. Wenn man über Freiheit in politischen oder gesellschaftlichen Zusammenhängen spricht, so meint man die Handlungsfreiheit. Unter Willensfreiheit versteht man dagegen die Freiheit des eigenen Willens. Die Annahme, dass man als Mensch über einen eigenen Willen verfügt, scheint durch das subjektive Empfinden klar bewiesen, denn jeder Mensch ist zunächst der Ansicht, einen freien Willen zu haben. Aber die Frage hier lautet nicht wie bei der Handlungsfreiheit: Kann ich machen, was ich will, sondern: Kann ich wollen, was ich will?

Es geht hierbei um Ursache-Wirkungs-Verhältnisse und den freien Willen als so genannte Erstursache, die nicht durch etwas verursacht wurde. Wenn man dies annehmen kann, so kann man einen freien Willen annehmen, wenn man aber sagt, dass alles, was man wollen kann, immer durch irgendeinen Impuls (Religion, Geschichte, Kultur…) ausgelöst wurde, so kann man den freien Willen nicht mehr annehmen. Damit wäre der Mensch im tiefsten Sinne unfrei und die Frage, was ihn unfrei macht, schon beantwortet: Der Mensch selbst macht den Menschen unfrei.

Es geht hier um unsere Individualität und unser Bewusstsein. Der Stand des freien Willens hängt also davon ab, inwieweit wir in der Lage sind, unsere Individualität zu bewahren und bewusst in unserer Umgebung zu agieren.

Um zu verhindern, dass die Diskussion auf abstrakte Ebene durchgeführt wird, versuchten wir immer wieder, auf Beispiele aus unseren aktuellen Lebensverhältnissen zurückzukommen:

z.B. wurde die Einstellung der deutschen Gesellschaft bezüglich „Leitkultur“, „Anpassung“ und Assimilation als „freiheitsberaubend“ bezeichnet, weil damit die Individualität der Andersdenkenden zerstört wird. „Leitkultur“ macht aus Individuen unfreie Lebewesen, die nicht mehr in der Lage sind, die Welt kritisch zu betrachten und ihr Leben frei zu gestalten.

Eine Teilnehmerin hat auch das Thema „Sicherheit“ im Zusammenhang mit „Freiheit“ zur Sprache gebracht. Das Bedürfnis des Menschen nach „Sicherheit“ sei so stark, dass der Mensch manchmal freiwillig seine Freiheit aufgebe, und sich selbst zensiere, um eine gewisse Art von Scheinsicherheit zu bewahren. Damit würden neue Wege im Leben abgelehnt, weil man sich in den alten Verhältnissen „sicherer“, aber nicht unbedingt glücklicher, fühle.

Ein anderer Teilnehmer sprach über die freiheitsfeindlichen Verhältnisse in patriarchalischen Familienstrukturen in traditionellen Gesellschaften.

Das Publikum wollte auch eine Antwort auf folgende Fragen finden: Wie kann es funktionieren, wenn alle Menschen frei sein wollen? Wie kann man in diesem Zusammenhang die Interessenkonflikte beseitigen? Da haben sich alle Teilnehmer darauf geeinigt, dass Handlungsfreiheit für Menschen in einer Gesellschaft nur durch Regeln, Gesetze und moralische Verantwortung zustande kommen kann.

Hier wurde auch Immanuel Kant zitiert: „…Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne…“

Nach einer zweistündigen, teils regen Diskussion sind wir zum Ergebnis gekommen, dass die Begriffe Freiheit und Menschheit eng miteinander verbunden sind. Freiheit ist genau so komplex wie die menschliche Seele. Am Ende aber waren, wir – was Freiheit betrifft – wieder ganz am Anfang…mit vielen offenen Fragen.